Die Motivation der Kinder ist sehr hoch“

Am Gymnasium Alleestraße ist eine neue Flüchtlingsklasse etabliert

Seit 1. März werden am Gymnasium Alleestraße Flüchtlingskinder unterrichtet – in einer gesonderten Klasse. Die Kennenlern-Woche ist eben vorbei, beendet wurde sie mit einem Willkommensnachmittag für die Kinder und ihre Eltern. Über die neuen Erfahrungen sprachen wir mit Schulleiterin Margret Sagorski und Klassenlehrerin Aysen Wiegand.

 

 

Willkommensklasse, Flüchtlingsklasse, Internationale Klasse – die Bezeichnungen wechseln häufig. In der Alleestraße spricht man jetzt von der Vorbereitungsklasse (VK). Wie hat sich denn das Kollegium seinerseits auf diese Neuerung vorbereitet?

Sagorski: Mit einem „Pädagogischen Tag“, an dem verschiedene Arbeitsgruppen bestimmte Themen erarbeitet haben, zum Teil unter Anleitung von externen Fachleuten. Konkret haben wir uns beispielsweise gefragt, welche Projekte wir sinnvollerweise mit den Schülerinnen und Schüler aus den regulären Klassen gemeinsam mit den Kindern, die noch wenig oder gar kein Deutschsprechen, anbieten können. Oder wie wir die neuen Eltern in die bisherige Elternarbeit einbeziehen können – da ist unsere Multikulti-Kochgruppe natürlich eine tolle Anlaufstelle.

Sie wussten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, wie groß die Klasse sein wird und auch die Zusammensetzung war unbekannt. Das machte die Vorbereitung sicher schwierig.

Sagorski: Ja, wir bekamen zunächst eine Liste von Schülern, die noch keinen Schulplatz hatten. Auf dieser Liste standen auch ältere Schüler, die eher für ein Berufskolleg geeignet sind. Wir wollen uns zunächst um die Jüngeren kümmern, denen wir dann hier auch einen Schulabschluss ermöglichen können. Bei unseren Gesprächen mit diesen Jüngeren und ihren Eltern und Betreuern stellte sich heraus, dass einige Analphabeten darunter waren. Alphabetisierung können wir momentan aus Personalmangel nicht leisten. Unsere VK hat jetzt neun Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Ländern – Iran, Mazedonien, Syrien - im Alter von zehn bis 15 Jahren. Nur einer spricht bereits ein wenig deutsch, das er während seines Aufenthalts in einem Flüchtlingsheim gelernt hat.

Wie funktioniert da der Unterricht?

Wiegand: Unsere Priorität liegt erst einmal beim Deutschlernen. Wir haben uns am ersten Tag gegenseitig vorgestellt, also: Ich heiße Soundso und ich komme aus dem-und-dem-Land. Das konnten die Kinder sofort. Alles andere geht mit Händen und Füßen und mit Bildern. Für den Anfang haben wir außerdem einen jungen Übersetzer für Arabisch, der schon in anderen VKs Erfahrungen gesammelt hat, die für uns sehr nützlich sind. Türkisch spreche ich selbst, für Farsi fehlte uns noch Unterstützung, aber mittlerweile haben sich zwei Schülerinnen bei uns gemeldet, die fließend Farsi sprechen. Insgesamt ist das Engagement und die Hilfsbereitschaft der Schulgemeinde sehr groß und wir sind sehr dankbar dafür. Wir versuchen also derzeit, eine Basis zu schaffen, damit demnächst andere Fächer stattfinden können, zum Beispiel Landeskunde, natürlich vorerst auf niedrigem Niveau.

Frau Wiegand, Sie leiten diese neue Klasse und bringen als türkisch-stämmige Deutsche selbst Migrationshintergrund mit. Welchen Vorteil hat das?

Wiegand: Der Vorteil ist, dass man sich gut in die Kinder hineinversetzen kann. Wenn man selbst hautnah miterlebt hat, wie die eigenen Eltern in einem fremden Land versuchen, sich zu integrieren, die Sprache zu lernen und hier Wurzeln zu schlagen, dann weiß man, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt und kann mit der Situation anders oder auch bewusster umgehen und auch als Vorbild dienen. Darüber hinaus absolviere ich gerade eine Fortbildung zur interkulturellen Kompetenz und Koordination in der Schule. Hauptziel ist es, Schule interkulturell zu öffnen und mit entsprechenden Angeboten zu erweitern.

Zum Beispiel?

Wiegand: Wir haben mehrere Beispiele an unserer Schule, zum einen wäre da der deutsch-türkische Lesewettbewerb, an dem wir uns regelmäßig beteiligen, in diesem Jahr mit sieben unserer zweisprachigen Schüler. Wir bieten individuelle Sprachförderung für SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Unsere Türkei-AG hat dieses Jahr ein kleines Theaterstück erarbeitet, dass beim Kulturprojekt der Stadt Siegburg „Begegnungen mit Deutschland“ aufgeführt wurde. Wir haben einen Schüleraustausch mit Frankreich und mit Polen. Für die Zukunft überlegen wir einen solchen Austausch mit einer Schule in der Türkei durchzuführen.

Ist im achtköpfigen VK-Team ein Kollege, der die jetzt so populäre Ausbildung DaF (Deutsch als Fremdsprache) oder DaZ (Deutsch als Zweitsprache) absolviert hat?

Sagorski: Nein. Aber einen unserer jungen Lehrer, der kürzlich erste Erfahrungen in Nepal gesammelt hat, werden wir zu dieser Ausbildung anmelden.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Wiegand: Im Moment ist die größte Herausforderung, dass wir Kinder unterschiedlichen Alters zusammen unterrichten, die nicht nur unterschiedliche Muttersprachen haben, aus unterschiedlichen Kulturen kommen, sondern zwischen einem und acht Jahren Schulbildung vorweisen. Einige sind lange Zeit gar nicht zu Schule gegangen und müssen jetzt einen Ganztag bewältigen. Trotzdem haben wir das Ziel, sie so schnell wie möglich für die Regelklassen fit zu machen.

Und worauf freuen Sie sich am meisten?

Sagorski: Auf die strahlenden Augen, die man sieht, weil die Kinder etwas lernen dürfen.

Wiegand: Die Motivation ist sehr hoch. Gestern fragte mich ein Kind: Frau Wiegand, können wir nicht länger bleiben?

(ml. / 8.3.16)

 

   
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